Vereinsgeschichte

Vereinsgeschichte

Im nordöstlichen Allgäu, ungefähr eine Stunde Fahrt von den Alpen entfernt, liegt das Dorf Waal. Es bietet alles, was man von einem Ort mit einer Bevölkerung von ungefähr 2.000 Einwohnern erwartet. Doch neben Schule, Gaststätten, Einkaufsmöglichkeiten und vielfältigem Vereinsleben hat Waal auch in Sachen Kunst und Kultur einiges zu bieten.

Das vielleicht Überraschendste, der kleine Ort verfügt über einen großen Theaterbau mit sechshundert Sitzplätzen, der manches städtisches Theater klein erscheinen lässt. Das Theater wird von der Waaler Passionsspielgemeinschaft betrieben. 

Der Verein blickt auf eine inzwischen 400-jährige Geschichte zurück. Als der Verein gegründet wurde, wütete noch die Pest. Die Bevölkerung sorgte sich nicht nur darum, selbst den grausamen Pest-Tod zu sterben, sondern auch darum, dass die Seuche den ganzen Ort auslöschen könnte. Die Waaler beschlossen, ein Gelübde abzulegen. Sie gelobten, die Passion Christi aufzuführen, sollte der Ort die Pest abwehren. Waal überstand die Pest und die Bewohner hielten ihr Versprechen.

In regelmäßigen Abständen inszeniert Waal die Passion, also den Leidensweg Christi, vom Wirken als Prediger, dem brutalen Kreuzestod und der Auferstehung und das ewige Leben. Sogar dann, wenn alle Vorzeichen gegen einen geregelten Spielbetrieb standen, wurde gespielt. Weder das unfreiwillige Verlegen des Theaterbaus, noch ein Theaterbrand oder der Abriss wegen Sicherheitsbedenken konnte die Waaler davon abhalten, das Versprechen einzulösen. Einzig die momentan anhaltende Pandemie unterbrach die Vorbereitungen auf die neue Spielzeit und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr.

Die aktuelle Saison steht wie vor 400 Jahren im Schatten einer höheren Gewalt. Statt Aufführungen und einer großen Jubiläumsfeier muss das Theater leer bleiben. Dennoch wurde dem Gelübde gedacht und im September dieses Jahres im Rahmen eines Festaktes erneuert. Die Waaler hoffen, dass bald ein sicherer und würdiger Betrieb im Theater wieder möglich sein wird.

Das Zuhause der Spielgemeinschaft ist seit der Erbauung 1961 ein elf Meter hoher Stahlbetonbau mit einer großen Glasfront. Die erste Spielsaison fand noch im Rohbau statt. Seitdem wurde am Theater stetig weitergebaut und modernisiert. Im ersten Stockwerk wurde das Gebäude durch zwei Anbauten mit Cafés und Pausenräumen erweitert. Für die Verwaltung des Hauses wurde ein zusätzliches Büro und eine Verkaufsstelle errichtet. Sitzplätze wurden erneuert, um modernem Komfort zu entsprechen und die Licht- und Tontechnik dem Stand der Zeit angepasst.

Das Theater ist zur einen Hälfte Besucher- und Zuschauerraum, zur anderen Hälfte Bühne. Der bespielbare Bühnenraum selbst ist groß genug, um ein Einfamilienhaus bequem zu beherbergen. Von hinten wird die Bühne durch eine festinstallierte Bergkulisse mit mehreren begehbaren Plateaus abgegrenzt. Die elf Meter tiefe Bühne kann durch einen Vorhang in der Mitte verkleinert werden. Dieser Vorhang dient auch als Projektionsfläche für die handgemalten Hintergrundbilder. Durch das Zusammenspiel von echter Kulisse und Projektion können schnelle Szeneriewechsel vollzogen werden. Zusätzlich erlaubt der Vorhang, während eine Szene läuft, umzubauen. Ortssprünge zwischen Pontius und Pilatus können so vollzogen werden, ohne dabei das Tempo des Stücks negativ zu beeinflussen.

Trotz der Größe des Bühnen- und Zuschauerraums hat man von jedem Parkett- und Balkonplatz gute Sicht auf die Darbietung. Dank der hervorragenden Akustik des Innenraums braucht es auch keinen Lautsprecher und kein Mikrofon.

Hinter der Bühne befinden sich auf zwei Stockwerken Garderoben, sowie Proberäume für den Chor. Ebenfalls kann man hier das Untergeschoss des Gebäudes betreten. Durch einen Verbindungstunnel gelangt man in den Orchestergraben. Nach der Vorstellung treffen sich im Keller die Mitwirkenden in der Bar „Zum Blauen Zabulon“ auf ein Bier und eine Partie Schafkopf.

Auf der Bühne treten neben rund 100 Laienschauspielern auch immer wieder Tiere auf. Bei verschiedenen Stücken waren Pferde, Esel, Ziegen und Hühner Teil der Szenerie. Eine ganz besondere tierische Darstellerin war „Pipsi”. Die handzahme Drossel setzte sich im Stück Franziskus auf den ausgestreckten Finger der titelgebenden Figur und lauschte aufmerksam der Vogelpredigt.

Die Auswahl der Stücke beschränkt sich in Waal nicht nur auf die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesus Christus. Zum Katalog der Aufführungen, insgesamt über 130 in den vergangenen 230 Jahren, reihen sich neben der Passion Heiligenspiele, wie das über den heiligen Franziskus. Auch weltliche Theaterstücke, wie „Becket oder die Ehre Gottes“ des französischen Dramatikers Jean Anouilh oder das in der letzten Saison aufgeführte Stück „Der Brandner Kaspar“ gehören zum Repertoire. Eine Besonderheit bei allen Bühnenstücken ist, dass die Mitwirkenden ermutigt werden in ihrem Dialekt, dem Allgäu-schwäbischen, zu spielen.

Für die Waaler Bühne wurde die Passion in verschiedenen Arten dargestellt. Die letzte Iteration war die Passion von Miller. Diese wurde unter dem neuen Spielleiter, Florian Werner 2009 erstmals aufgeführt. Die Miller Passion ist eine der wenigen Passionstexte, der – zumindest in Teilen – in Mundart verfasst ist. Miller verwendet die Sprachebenen, um die sozialen Unterschiede der Milieus darzustellen. Das einfache Volk und die Soldaten reden Mundart, Machthaber wie Pilatus, Herodes und die Mitglieder des Hohen Rats im rhythmischen Hochdeutsch. Christus als einziger im ungebundenen Sprachstil der Prosa. 

Dialektsprecher fanden sich sogar unter den jüngeren Mitwirkenden genug und die sprachliche Vielschichtigkeit kam beim Publikum so gut an und machte den Mitwirkenden so viel Freude, dass man bereits 2015 erneut auf diese Fassung zurückgriff.

Die Miller-Passion fasst die Erzählung in eine Rahmenhandlung, die lange vor und nach der Karwoche spielt, ein. Wie bei Spielen der Barockzeit eröffnet das Stück mit dem Sündenfall und der Verbannung von Adam und Eva aus dem Paradies. Jesus steht den ersten Menschen schützend zur Seite und bietet sich als Sühne an. Damit beginnt sein Leidensweg. Nach seiner Auferstehung lädt Jesus in einer Abschlussszene, zusammen mit allen Menschen – sogar den Hohen Rat, Pilatus und Judas – in den Himmel ein. 

Diese starken Bilder, die stimmungsvolle Musik des Chores und die sprachliche Originalität sind sicher dafür verantwortlich, dass diese Passion faszinierte. Da die Miller Passion aber an vielen Stellen veraltet ist, soll nun zum Jubiläum eine komplett neue Version auf die Bühne gebracht werden. 

In einem alten Programmheft des letzten Jahrhunderts beschreibt der damalige Spielleiter die Besucher als sehr genügsam. Ein simples frommes Spiel ist alles, was der Zuschauer erwartete. Florian Werners Anspruch für die neue Fassung ist da schon ambitionierter. Werner erzählt die bekannteste Geschichte der Menschheit, mit dem Ziel allen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich wiederzufinden.

Die Neu-Erzählung soll Mittel sein, sich mit dem Wirken von Jesus zu beschäftigen. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob der Zuschauer gläubig ist oder nicht. Jesus veränderte die Menschen um ihn herum, begeisterte und einte sie. Dieses Gefühl war den Waalern damals zu Zeiten von Pest und Kriegen wichtig, und spielt auch heute bei Klimakrise, Globalisierung, sozialen Ungerechtigkeiten und auch der Pandemie eine wichtige Rolle.

Werners Passion erzählt bewusst nicht nur die Perspektive der bekannten Figuren. Erstmals in Waal werden die Menschen von damals prominent in den Mittelpunkt gestellt. Für Florian Werner war von Beginn an klar, dass die Menschen von heute sich am besten mit gewöhnlichen Leuten von damals identifizieren können. 

Die Zuschauer sollen die Umstände der Bevölkerung aus biblischen Zeiten nachvollziehen können. Der Spielleiter will erlebbar machen, wie das Umfeld von Jesus ihn als Prediger erlebte, was die Menschen über seine Worte und Taten dachten und wie die Worte gedeutet wurden und auch wie Jesu Botschaft verstanden und interpretierten wurde. 

Passionsspiel in Waal ist heute mehr als nur eine weitere Tradition. Die Passion in Waal zeichnet sich durch ihr überaus großes Gemeinschaftsgefühl und die Leidenschaft der Waaler aus. Die Begeisterung der vielen Mitwirkenden, die in den Seitenaufgängen warten, um 2023 wieder spielen zu können, ist in dem kleinen Ort im Ostallgäu schon jetzt greifbar. 

Letzte Aufführungen

1997 Franziskus

2001 Passion

2005 Thomas Becket oder die Ehre Gottes

2009 Passion

2012 Franziskus

2015 Passion

2018 Die G’schicht vom Brandner Kasper

2023 Passion